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FERNBEZIEHUNG MIT DEM EIGENEN ICH

  • 13. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Heute-Ich und Morgen-Ich leben in einer toxischen Beziehung. Wenn Heute-Ich an der Afterwork-Party zu tief ins Glas schaut, muss Morgen-Ich mit einem Brummschädel zur Arbeit. Wenn Heute-Ich die abendliche Deadline für den Bericht verpasst, erhält Morgen-Ich am nächsten Tag einen Rüffel. Kurzum: Was Heute-Ich verbockt, muss Morgen-Ich ausbaden. Wobei beklagen sollte sich Morgen-ich nicht wirklich. Gewisse haben es noch schwerer. Zum Beispiel: In-20-Jahren-Ich. Auf ihn nimmt Heute-Ich noch weniger Rücksicht. Auf das Vorsorgekonto einzahlen, anstatt das Geld zu verprassen? Wohl kaum. Auf eine gesunde Ernährung umstellen, damit In-20-Jahren-Ich keinen Herzinfarkt erleidet. Nein, eher nicht.


Tatsächlich haben wir kaum Zugang zu unserem zukünftigen Ich. Forschende der Universitäten Princeton und Stanford baten Versuchsteilnehmende Situationen zu beschreiben, die sie möglicherweise in 20 Jahren erleben werden. Bei der Beschreibung der Zukunftsszenarien verwendeten die Versuchsteilnehmenden die dritte Form Singular («sie bzw. er»). Mit anderen Worten: Sie sprachen von ihrem zukünftigen Ich wie von einem Fremden. Das ist heikel. Wenn die Konsequenzen unserer aktuellen Entscheidungen jemanden treffen, zudem wir keinen Draht haben, werden wir diese Konsequenzen eher ignorieren. Forschungsarbeiten des New Yorker Professors Hal Hershfield untermauern diese Annahme. Wer eine schwache Verbindung zu seinem zukünftigen Ich aufweist, handelt eher unverantwortlich und lebt ungesünder.


Mit diesem Befund konfrontiert, entwickelte sich Hershfield zum Beziehungscoach der etwas anderen Art. Er konzipierte eine Studie, welche sich der Frage widmete: Wie können wir die Beziehung zu unserem zukünftigen Ich stärken? Mit Hilfe eines Virtual-Reality-Spiegels konfrontierte Hershfield Personen mit einem gealterten Spiegelbild. Dann fragte er sie, was sie mit einem Geldsegen von 1000 Dollar tun würden. Personen, die ihr älteres Ich sahen, legten dreimal so viel Geld auf die Seite, wie Personen, die kein entsprechendes Bild sahen. In einer weiteren Studie bat Hershfield Studierende, einen Brief an ihr Ich in 20 Jahren zu schreiben. Im Anschluss untersuchte er ihr Bewegungsverhalten. Er fand heraus, dass sie 1,4-mal mehr trainierten als die Kontrollgruppe. Hershfield vermutet, dass die Kontaktaufnahme mit unserem zukünftigen Ich die Zukunft greifbarer macht. Wir sind dann in der Gegenwart eher bereit, in unsere Zukunft zu investieren.


Wie treten Sie in Kontakt mit Ihrem zukünftigen Ich? Tipp 1: Gehen Sie gleich vor, wie der Student Anmol Bhide. Um seine Diät einzuhalten, liess er ein Foto von sich mit einer Foto-App (z.B. mit FaceApp) künstlich altern und hängte es an seinen Kühlschrank. Fortan betätigte sich sein ergrautes Alter Ego als strenger Wächter über seine Snacking-Aktivitäten.


Tipp 2: Gehen Sie auf zukunftsmail.com, schreiben Sie ihrem zukünftigen Ich eine Mail und wählen Sie ein Versanddatum (z.B. heute in einem Jahr). Halten Sie im Mail fest, mit welchen Projekten und Zielen Sie Ihre Zukunft prägen möchten.


Tipp 3: Unternehmen Sie eine umgekehrte Zeitreise. Versetzen Sie sich in Ihr 60-, 70- oder 80-jähriges Selbst und schreiben Sie ihrem heutigen Ich einen Brief. Schreiben Sie wie es Ihnen geht, was Sie am meisten schätzen oder auch was Sie an der Entwicklung Ihrers Lebens bedauern. Die so verfasste Vision wird Sie dabei unterstützen, im Hier und Jetzt zukunftgerichtete Massnahmen zu ergreifen. Nehmen Sie den Brief immer wieder hervor, speziell wenn wegweisende Entscheidungen anstehen.


Fazit: Sie leben in einer Fernbeziehung mit Ihrem zukünftigen Ich. Das ist anspruchsvoll. Zumal Sie diese Beziehung Ihr Leben lang begleiten wird. Schluss machen geht nicht. Tragen Sie deshalb Sorge zu Ihrem Partner und nehmen Sie dessen Bedürfnisse ernst. Investieren Sie in diese Beziehung und folgen Sie den Worten des französischen Lyrikers Paul Valéry: «Rücksicht ist Voraussicht».

 
 
 

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