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SHINKANSEN-ZIELE

  • 29. Juni
  • 2 Min. Lesezeit

Wer zu Beginn der 1950er Jahre den Zug von Tokyo nach Osaka nahm, brauchte Geduld. Für die 553 km lange Strecke durch hügeliges Gelände mussten Reisende bis zu 20h einrechnen. 1955 berief die Direktion der japanischen Eisenbahngesellschaft die besten Ingenieure des Landes zu sich. Ihr Auftrag: Entwickelt einen Schnellzug! Sechs Monate später präsentierten die Ingenieure stolz ihren Entwurf für einen Zug, der es auf knapp 100km/h bringen sollte. Eine rekordverdächtig hohe Geschwindigkeit für die damalige Zeit. Die Bahnverantwortlichen winkten ab. Sie forderten einen Zug, der 200 km/h schnell fährt. Geschockt erwiderten die Ingenieure, das sei völlig unmöglich. Die Bahnverantwortlichen ignorierten die Proteste und beharrten auf ihrer Forderung. Über die nächsten Jahre überarbeiteten die Ingenieure ihr Konzept grundlegend und reicherten dieses mit zahlreichen Innovationen an. Am 1. Oktober 1964 fand die Jungfernfahrt des weltweit ersten Hochgeschwindigkeitszugs – dem Tōkaidō Shinkansen – statt. Für die Reise von Tokyo nach Osaka brauchte er knapp 4 Stunden und erreichte dabei eine Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h.

 

In ihrem Buch «Finde dein Ikigai – Das japanische Geheimnis eines glücklichen Lebens» beziehen sich die Autoren Francesc Miralles und Héctor García auf dieses historische Ereignis. So bezeichnen sie kühne Ziele, welche auf den ersten Blick ausser Reichweite liegen, als Shinkansen Ziele. Ausserhalb unserer Komfortzone angesiedelt, dürfen diese durchaus etwas angsteinflössend sein. Sie bilden einen Gegenpol zu sogenannten SMART-Zielen. Deren Anspruch realistisch zu sein (das «R» in SMART), empfinden Kritiker als einschränkend. Sie befürchten, dass Menschen aufgrund von SMART-Zielen die Messlatte zu tief setzen und so ihr volles Potential nicht entfalten. Anders verhält es sich mit Shinkansen Zielen. Hätten die Bahnverantwortlichen bloss 10 km/h mehr gefordert, hätten die Ingenieure dies mit ein paar Modifikationen wohl hingekriegt. Um jedoch der Forderung nach einer Geschwindigkeits-Verdopplung nachzukommen, brauchte es ein radikales Umdenken.

Falls Sie im Hochgeschwindigkeitszug Platz nehmen möchten, spielen Sie ein Gedankenexperiment von Miralles und García durch:

 

Schritt 1: Überlegen Sie sich ein Ziel, von dem Sie glauben, dass Sie es in 10 Jahren erreichen werden. Eine Million Franken auf dem Konto haben? Um die Welt segeln? Einen Bestseller schreiben?

 

Schritt 2: Kürzen Sie die Zeitachse radikal. Überlegen Sie, was Sie tun müssten, um dieses Ziel in einem Jahr zu erreichen? Wenn Sie es ernst meinen, schreiben Sie zuerst das Ziel auf ein Blatt Papier. Ergänzen Sie dann das Dokument mit 5-10 konkreten Handlungsplänen und halten Sie fest, wann Sie diese wo umsetzen möchten.

 

Seien Sie sich bewusst, dass wohl nicht jedes Shinkansen-Ziel wahr werden wird. Auf jeden Fall aber werden Sie Fahrt aufnehmen. Der Wechsel vom Bummler- in den Hochgeschwindigkeitszug wird Ihren Horizont erweitern. Auch wenn Sie vor der Endstation aussteigen, kommen Sie an Orte, die Sie sonst nicht gesehen hätten. Frei nach den Worten des amerikanischen Autors Norman Vincent Peale (1898-1993): «Ziele auf den Mond, selbst wenn du ihn verfehlst, landest du bei den Sternen.»

 
 
 

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