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THE MISERABLE MIDDLE

  • vor 11 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Stellen Sie sich vor, wie Sie mit kleinen Kindern zu einer Hüttenwanderung aufbrechen. Wie wird diese verlaufen? Zu Beginn wird der Nachwuchs freudig vorauseilen. Nach und nach fallen dann Begeisterung und Schritttempo in den Keller. Baldschon werden Sie mit der Frage aller Fragen konfrontiert: Wie lange geht es noch? Wobei das E in „geht“ extra langgezogen ausfällt. Die Frage werden Sie sich fortan in der Endlosschleife anhören müssen, bis plötzlich die Hütte im Blickfeld erscheint. Schnell sind dann die schweren Beine vergessen und die Kleinen bewältigen den Schlussaufstieg im Stechschritt.


Den motivationalen Hänger im Mittelteil sollten Sie den Kindern nicht verübeln. Allenfalls zeigen Sie ähnliche Tendenzen, wenn Sie nach Ihrem Wandertag ins Büro zurückkehren. Nachdem Sie bei einem Projekt mit viel Elan gestartet sind, fehlt Ihnen vielleicht nun der Antrieb. Als «Stuck in the middle» bezeichnen Motivationspsychologen dieses Phänomen. Sie stecken also im Motivationsloch fest. Zumindest so lange, bis der heranrückende Abgabetermin Ihnen Beine macht.


Der Marketing-Professor Andrea Bonezzi begründet den «Stuck in the middle» Effekt mit einem wechselnden Bezugsrahmen. Zu Beginn einer Aufgabe dient uns der Ausgangspunkt als Vergleichswert. Wir fokussieren auf die Frage «Wie viel schon?». Gegen Ende einer Aufgabe nehmen wir den Zielzustand als Vergleichswert. Im Zentrum steht die Frage: «Wie viel noch?». Die wechselnde Motivationslage illustriert Bonezzi an einem Studenten, der ein 500-seitiges Lehrbuch lesen muss. Hat er anfänglich den Fokus «Wie viel schon?», nimmt der wahrgenommene Fortschritt nach und nach ab: Das Lesen einer weiteren Seite wird nach dem Lesen von 200 Seiten (1:200) als weniger fortschrittlich wahrgenommen als nach dem Lesen von 50 Seiten (1:50). Folge: Die Motivation sinkt allmählich ab. Richtet er seinen Fokus gegen Ende der Aufgabe auf die Frage «Wie viel noch?» nimmt der wahrgenommene Fortschritt stetig zu: Das Lesen einer weiteren Seite wird als mehr Fortschritt empfunden, wenn noch 50 Seiten verbleiben (1:50), als wenn noch 200 Seiten verbleiben (1:200). Die Motivation steigt, wenn das Ziel näherrückt.


Die abfallende Motivationskurve («Wie viel schon?») und die ansteigende Motivationkurve («Wie viel noch?») vereinen sich zu einer U-Kurve und erklären so die motivationale Talsohle.

Was müssen Sie tun, damit die «Miserable Middle», wie die Amerikaner treffend bemerken, möglichst klein ausfällt?


Praxistipp 1: Halten Sie Ihre Motivation hoch, indem Sie Ihre Aufmerksamkeit jeweils auf die kleinere Zahl richten. Nehmen wir an, Sie möchten 10kg abnehmen. Fokussieren Sie anfänglich auf den Gewichtsverlust («Ich habe bereits 3kg verloren») und verändern Sie nach der Hälfte des Unterfangens den Blickwinkel («Ich muss nur noch 4kg verlieren»).


Praxistipp 2: Kürzen Sie den Mittelteil. Oder anders gesagt: Verlängern Sie den Schlussteil. Ein Ziel in Griffweite verleiht uns Flügel. Oder haben Sie schon mal einen Marathonläufer gesehen, der bei Kilometer 40 aufgibt? Eben. Aktivieren Sie diesen Booster für die Willenskraft mehrfach, indem Sie mit verbindlichen Zwischenzielen arbeiten. Der Autor Adam Alter verweist darauf, wie ihn Zwischenziele beim Schreibprozess leiten. Typischerweise orientiet er sich dabei an den Kapiteln eines Buchs. Manchmal aber, wenn es beim Schreiben harzt, «atomisiert» er seine Zwischenziele. Das heisst er bricht sie auf den kleinsten Nenner herunter. Er nimmt sich dann 100 Wörter zum Ziel oder stellt den Timer und versucht, eine Minute lang zu schreiben. Nimmt er beim Schreiben wieder Fahrt auf, vergrössert er die Entferung zwischen den Zwischenzielen.


Beim Lesen dieser Zeile ahnen Sie, dass dieser Text sogleich fertig ist. Sie sind also auf der Zielgeraden. Theoriegeleitet müsste Ihre Motivation jetzt am höchsten sein. Nehmen Sie diesen Schwung mit und überlegen Sie nun, wie Sie die Erkenntnisse dieses Texts auf Ihren (Arbeits-)Alltag übertragen können!

 
 
 

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