TEMPTATION BUNDLING
- 25. Mai
- 3 Min. Lesezeit

«Eine einmalige Gelegenheit klopft nur einmal an die Tür. Versuchungen halten den Daumen auf der Türklingel.» Mit diesen Worten spielt der deutsch-kanadische Publizist Willy Meurer (1934 - 2018) auf ein Dilemma an, dem wir uns tagtäglich stellen. Versuchungen sind hartnäckig und sie strapazieren unsere Willenskraft. Sie sind Hauptdarstellerinen in einem wiederkehrenden Konflikt, den Psychologen als Konflikt zwischen dem «Wollen» und «Sollen» bezeichnen. Wir sollten das Vollkornbrötchen wählen, aber wollen den Berliner essen. Wir sollten eigentlich ins Bett, aber wollen noch in den sozialen Medien surfen. Wir sollten Joggen gehen, aber wollen unsere Lieblingsserie streamen.
Die dargestellten Konflikte erinnern an ein Fussballspiel zwischen der Schweiz und Brasilien. Durchaus spannend, aber irgendwie ahnen wir bereits im Vorfeld, wer gewinnen wird. Tatsächlich erweist sich das «Wollen» als Seriensieger. Der Grund dafür liegt in der Natur des Menschen. Wir lechzen nach unmittelbaren Belohnungen. Diese erhalten wir, wenn wir in den Berliner beissen, unsere Likes zählen oder mit unseren Netflix-Helden mitfiebern. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von einer «Instant Gratification». Sekunden und Minuten gelten als bevorzugte Währung. Beim «Sollen» taugt diese Währung nicht. Wenn es um die Effekte von gesundem Schlaf, ausgewogener Ernährung oder regemässiger Bewegung geht, wird vielmehr in Monaten oder Jahren gerechnet. Der Umgang mit dieser ungeliebten Währung ist herausfordernd und erklärt, warum das «Sollen» im Kampf mit dem «Wollen» schlechte Karten hat.
Als Ausweg können wir entweder das «Wollen» erschweren (z.B. den Zugang zur Streaming-Plattform mit einer App zeitlich begrenzen) oder das «Sollen» vereinfachen (z.B. der verbindliche Jogging-Termin mit einem Trainingspartner). Oder wir setzen auf Plan C. Zu diesem griff der Ingenieurstudent Ronan Byrne. Er koppelte sein Netflix-Account mit einem Heimtrainer. Mit einem Computerprogramm sorgte er dafür, dass Netflix nur lief, wenn er genügend schnell strampelte. Die Idee dahinter: Wir verbinden das «Wollen» mit dem «Sollen».
Die Idee ist nicht neu. Bereits der römische Lyriker Horaz empfahl, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Motivationspsychologen bezeichnen diese Strategie als «Temptation bundling». Mit dem Bündeln von Versuchungen schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Einerseits reduzieren wir allfällige Schuldgefühle («statt TV zu schauen, hätte ich diese Zeit doch sinnvoller nutzen können»). Anderseits können wir uns bei sinnvollen, aber vielleicht etwas monotonen Aktivitäten ablenken. Auch wenn Ihnen das Know-How fehlt, um Ihren Heimtrainer mit Netflix zu verbinden, können Sie «Tempation bundling» anwenden. Der Gewohnheitsexperte James Clear rät zu einer Liste mit zwei Spalten. Notieren Sie in der linken Spalte die kleinen und grossen Freuden des Lebens. Listen Sie dann in der rechten Spalte jene Aktivitäten auf, die Sie machen sollten, aber immer wieder auf die lange Bank legen. Sehen Sie dann die Spalten durch und versuchen Sie Aktivitäten miteinander zu verbinden. Legen Sie sich Regeln auf. Beispiele: (1) Wenn ich meinen Lieblings-Podcast höre möchte, putze ich dabei das Bad, (2) Wenn ich eine bestimmte Netflix-Serie schauen möchte, trainere ich dazu auf dem Stepper oder (3) Wenn ich den Monatsabschluss bereinigen muss, dann gehe ich dazu in das Café nebenan und gönne mir meinen Lieblings-Snack. Sie können beim Temptation Bundling auch mit Vorher-Nachher-Regeln arbeiten. Beispiel: Wenn ich mein Instagram-Account checken möchte, trinke ich vorher ein grosses Glas Wasser.
Nachtrag: Die Länderspiel-Bilanz der Schweiz gegen Brasilien ist übrigens weniger verherrend als angenommen. In sieben Begegnungen resultierten 2 Niederlagen, 1 Sieg und 4 Unentschieden. Vielleicht sind also die Erfolgsaussichten besser, als im vornherein erwartet. Das macht Hoffnung. Für die Umsetzung Ihrer Vorsätze. Und natürlich für die nächste WM.



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